Automation eines Instagram-Kanals
51 Tage lang hat sich ein Instagram-Kanal jeden Morgen selbst vorbereitet. Ich musste nur noch Ja sagen und auf „Teilen“ tippen.
Diese Wissenskarte beschreibt das Projekt @taeglich.gewinnen von innen: wie aus einer täglichen Handarbeit ein aufschreibbarer Ablauf wurde, wie dieser Ablauf zu einem Skill und später zu einem kleinen Team aus KI-Agenten wurde, wo überall ein Mensch gegenzeichnen musste – und was passiert, wenn man einem jungen Konto zu viel zumutet. Ohne Hochglanz: Die Mechanik hat funktioniert, die Reichweite nicht, und beides ist hier nachzulesen.
Vom Fund zum menschlich freigegebenen Beitrag
Fund prüfen
Quelle, Aktualität und Eignung eines gefundenen Inhalts kontrollieren.
Historie abgleichen
Bereits verwendete Inhalte und die vorgesehenen Ablagen prüfen.
Entwurf erstellen
Grafik und Text nach den festgelegten Vorlagen vorbereiten.
Grenzen kontrollieren
Inhalt, Kennzeichnung und vereinbarte Regeln vor der Freigabe prüfen.
Bewusst entscheiden
Ein Mensch entscheidet über Freigabe, Überarbeitung oder das Verwerfen des Entwurfs.
Die Frage dahinter: Was kann ein Mensch mit KI allein stemmen?
Der Kanal war nie das Ziel. Er war der Prüfstand.
Ich wollte wissen, ob ich einen Social-Media-Kanal, der täglich erscheint, allein betreiben kann – ohne Redaktion, ohne Agentur, ohne Budget. Nicht als Gedankenspiel, sondern mit echtem Publikum, echten Marken und echten rechtlichen Pflichten. Ein Kanal, der einmal die Woche etwas postet, beweist wenig. Ein Kanal, der jeden Tag etwas Geprüftes veröffentlichen muss, zeigt sehr schnell, welche Teile eines Arbeitsablaufs sich wirklich automatisieren lassen und welche nicht.
Das Thema war zweitrangig, musste aber drei Bedingungen erfüllen: täglich neuer Stoff, nachprüfbare Fakten und ein echtes Risiko, wenn man schlampt. Gewinnspiele erfüllen alle drei. Es gibt sie jeden Tag, ihre Bedingungen stehen schwarz auf weiß in den Teilnahmebedingungen – und wer falsche Fristen oder erfundene Preise behauptet, macht sich nach § 5 UWG angreifbar. Genau diese Fallhöhe wollte ich.
Daraus wurde @taeglich.gewinnen: ein unabhängiger Info-Kanal, der täglich ein seriöses, überwiegend kostenloses Gewinnspiel vorstellt, an der offiziellen Quelle prüft und auf die Originalseite des Veranstalters verlinkt. Kein Affiliate, keine Kooperation, kein bezahlter Beitrag – das hätte die Versuchsanordnung verwässert.
Der Kanal in Eckdaten
Was in diesen 51 Tagen entstanden ist – und wie der Zulauf wirklich verlief.
Der Zulauf: ein steiler Anfang, dann eine Linie
Die erste Woche lief besser, als ich erwartet hatte. An einem einzigen Tag kamen über hundert neue Follower dazu – für einen Kanal, der vier Tage alt war, ist das eine Menge. Genau dieser Anfangserfolg hat mich zu dem Fehler verleitet, der weiter unten in Kapitel 09 steht. Nach dem 3. August ist die Kurve nie wieder so gestiegen. Sie ist nicht abgestürzt, sie wurde einfach flach.
Und ein Gewinn, der wirklich belegt war
In sieben Wochen habe ich Autos, Wohnmobile und Traumreisen gezeigt. Der einzige Gewinn, den mir in dieser Zeit jemand mit Beleg gemeldet hat, war eine Flasche Limonade – ein Sofortgewinn aus der Sommer-Aktion vom 27. Juli.
Ich habe ihn trotzdem gepostet, und zwar genau so: mit der selbstironischen Zeile „Geworben hatten wir mit Coachella. Gewonnen wurde eine Flasche Limo.“ Ein Beleg ist mehr wert als jedes Versprechen, auch wenn er klein ist – und ein Kanal, der nur die großen Zahlen zeigt, ist kein ehrlicher Kanal. Genau diese Karte wurde anschließend der Aufhänger für das neue Sonntags-Reel-Format.
Der Skill: ein Ablauf, den man aufschreiben kann
Der eigentliche Trick war nicht die KI. Es war die Disziplin, den eigenen Arbeitsablauf zu Ende zu denken.
Die ersten Beiträge habe ich von Hand gebaut: suchen, lesen, Grafik bauen, Text schreiben, Seite aktualisieren. Das hat über eine Stunde gedauert und war jeden Tag ein bisschen anders – und genau das ist das Problem. Was jeden Tag ein bisschen anders ist, kann man nicht abgeben, weder an einen Menschen noch an eine Maschine.
Also habe ich aufgeschrieben, was ich eigentlich tue. Nicht als Wunschzettel, sondern als Protokoll: Welche Frage stelle ich mir zuerst? Woran erkenne ich, dass ein Gewinnspiel unseriös ist? Wann breche ich ab? Dieses Protokoll wurde zu einem Skill – einer Textdatei mit klaren Anweisungen, die die KI zu Beginn jeder Sitzung liest und danach abarbeitet.
Was in so einer Datei drinsteht
Ein Tag in neun Schritten
So sah der Ablauf am Ende aus. Mint = Maschine, Amber = Mensch.
Human in the Loop – und zwar an der richtigen Stelle
Nicht überall einen Menschen dazwischenschalten, sondern genau dort, wo es teuer wird.
„Der Mensch behält die Kontrolle“ ist ein Satz, den man leicht sagt und schwer einlöst. Wer überall bestätigen muss, hat nichts gewonnen – er klickt irgendwann blind durch. Die eigentliche Entwurfsarbeit besteht darin, die zwei oder drei Stellen zu finden, an denen eine menschliche Entscheidung tatsächlich etwas verhindert.
| Stelle | Wer entscheidet | Warum dort |
|---|---|---|
| Auswahl des Gewinnspiels | Mensch | Hier entsteht das rechtliche und das Reputationsrisiko. Ein unseriöser Veranstalter kostet Glaubwürdigkeit, eine falsche Frist kostet mehr. |
| Recherche & Verifikation | Maschine | Lesen, vergleichen, gegenprüfen, aufschreiben – stur, schnell und ohne Ermüdung. Genau das kann eine Maschine besser als ich um sieben Uhr morgens. |
| Gestaltung | Maschine | Die Vorlage steht. Abweichungen wären keine Kreativität, sondern Inkonsistenz. |
| Formulierung der Caption | Maschine, Mensch liest gegen | Der Text ist schnell geschrieben, aber die Haken – Newsletter-Zwang, Rechteabtretung, „nur ein Gewinner“ – müssen drinstehen und richtig gewichtet sein. |
| Veröffentlichung | Mensch | Der letzte Punkt, an dem sich etwas zurücknehmen lässt. Und die Stelle, an der der EU AI Act eine nachvollziehbare redaktionelle Prüfung erwartet. |
Recht und Seriosität – die eigentliche Arbeit
Der Aufwand steckte nie in der Grafik. Er steckte im Kleingedruckten.
Wer fremde Marken und fremde Gewinnspiele zeigt, bewegt sich in einem engen Rahmen. Sechs Pflichten waren in Grafik, Text und Seite fest verdrahtet und durften nie abgeschwächt werden:
nofollow noopener external.Drei Fälle, die zeigen, warum das nicht Formalismus ist
Ein Corporate Design, das 46 Tage durchhält
36 von 46 Tagesgrafiken nebeneinander. Unterschiedliche Marken, unterschiedliche Preise, eine Handschrift.
Das ist für mich das überzeugendste Bild dieses Projekts. Nicht weil einzelne Grafiken besonders schön wären, sondern weil man sie als Familie erkennt – über sieben Wochen, über vierzig Marken hinweg, ohne dass ein Mensch nachjustiert hätte. Erreicht wurde das nicht durch Gestaltungsvorgaben in Prosa, sondern durch eine befüllbare Vorlage: Die Grafik ist eine HTML-Datei mit sieben Platzhaltern, die zu einem 1080 × 1080 Pixel großen Bild gerendert wird.
#07080b, Mint #3ECFB2, Violett, Cyan, Amber für Warnungen. Keine Farbe pro Marke, keine Ausnahmen.Zwölf echte Beiträge, Grafik und Text im Original
Unverändert so erschienen. Die Captions lassen sich im Kasten scrollen.
Noch mit vierzehn Hashtags – ein Anfängerfehler. Instagram wertet ab dem sechsten nichts mehr als Hashtag, die überzähligen Wörter stehen nur noch als Text da. Ab Anfang August waren es konsequent fünf.
Bei manchen Aktionen darf man jeden Tag neu mitmachen. Das steht meist nur in den Teilnahmebedingungen – wenn es zutrifft, bekommt der Eintrag im Journal automatisch das Badge „Tägliche Teilnahme möglich“.
Der Kanal versprach kostenlose Gewinnspiele. Dieses hier verlangte einen Aktions-Kronkorken, also einen Kauf. Statt es wegzulassen oder zu verschweigen, bekam es ein Amber-Warnbadge, einen offenen Ausnahme-Satz und den Button „Jetzt mitmachen“ statt „Kostenlos mitmachen“. Diese Ausnahme-Mechanik steht seitdem fest im Ablauf.
Zehn Elektroautos – ein starker Preis, aber mit Kassenbon-Pflicht, also wieder die Ausnahme-Kennzeichnung. Siebzehn Tage später tauchte exakt dieselbe Aktion erneut als Top-Fund auf. Nur weil der Dublettencheck am Anfang jedes Laufs steht, ist sie nicht ein zweites Mal erschienen.
Kein Kauf nötig, aber die Teilnahme hängt am Newsletter-Abo. „Kostenlos“ stimmt hier, der Hinweis auf das Abo gehört trotzdem in die Caption und in die Veranstalter-Zeile der Grafik.
Der Camper wird nicht verschenkt, sondern für ein Jahr überlassen – die Ausrüstung dagegen bleibt. Solche Unterschiede entscheiden darüber, ob ein Beitrag korrekt oder irreführend ist, und stehen nur in den Teilnahmebedingungen.
Veranstalter und Preisstifter sind hier zwei verschiedene Parteien – beide gehören genannt. Wer in den Teilnahmebedingungen nicht nachsieht, wer tatsächlich Veranstalter ist, schreibt regelmäßig die falsche Firma auf die Grafik.
Das ist der Beitrag zum Praxisfall aus Kapitel 06. Was ein Portal als kleine Aktion listete, war in Wahrheit ein Jahresgewinnspiel mit 65 Preisen. Die offizielle Quelle zu lesen ist also nicht nur Pflicht, sondern lohnt sich inhaltlich.
Hier fehlte eine Altersgrenze – die nennt man dann auch nicht, statt eine zu erfinden. Umgekehrt musste eine Bedingung ausdrücklich rein: In den Lostopf kommt nur, wer in allen zwölf Klassen abstimmt.
Dieser Beitrag entstand einen Tag vor der Veröffentlichung, weil ich am Wochenende unterwegs war. Daraus folgte eine eigene Regel: Am Freitag vorbereitete Beiträge dürfen nur Gewinnspiele zeigen, deren Frist mindestens bis Mittwoch der Folgewoche läuft.
Genau die Aktion, die am 2. September verworfen wurde, weil die Preisliste nirgends im Text stand. Am 8. September lag sie in der amtlichen Broschüre vor, nachgezählt und belegt – und erst dann erschien der Beitrag. Dazu die unbequemen Punkte offen: Übergabe nur in München, Hauptpreis erst 2027, öffentliche Übergabe mit Foto.
Der letzte Beitrag der regulären Serie. Kurz, sauber, mit offen genanntem Newsletter-Haken – so wie der Ablauf am Ende von allein lief. Genau daran habe ich gemerkt, dass das Projekt seine Frage beantwortet hat.
Der Rückschlag: 3. August, Konto eingeschränkt
Eine Stunde Ärger, eine dauerhafte Regel – und eine Kurve, die sich nie wieder erholt hat.
Der Anfang lief so gut, dass ich mehr wollte. An mehreren Tagen habe ich zwei Beiträge veröffentlicht statt einem – am 24. Juli, am 1. August, am 3. August. Aus meiner Sicht war das Fleiß: doppelt so viele Gewinnspiele, doppelt so viel Nutzen. Aus Sicht der automatischen Prüfsysteme von Instagram war es etwas anderes: ein sehr junges Konto, das in hoher Frequenz Markennamen nennt, Gewinne verspricht und auf externe Links verweist. Das ist exakt das Verhaltensmuster, auf das diese Filter trainiert sind.
Technisch war der Vorfall also nach einer Stunde erledigt. Praktisch war er es nicht. Die Follower-Kurve ist nach dem 3. August nie wieder so gestiegen wie davor, und auch die Reichweite der einzelnen Beiträge blieb dauerhaft unter dem Niveau der ersten Woche. Ob das kausal zusammenhängt, kann ich von außen nicht beweisen – ein Zusammenhang ist aber naheliegend, und die Lehre ist dieselbe.
Was ich daraus gemacht habe
Vom Skill zum Team
Ein Ablauf, der funktioniert, lässt sich aufteilen. Das war der zweite Ausbauschritt.
Anfangs erledigte ein einziger Durchlauf alles nacheinander. Das wurde mit wachsendem Anspruch zäh: Recherche, Prüfung, Gestaltung, Text, Seitenpflege und Auswertung sind sehr verschiedene Tätigkeiten, die unterschiedliche Werkzeuge und unterschiedliche Sorgfalt brauchen. Also habe ich den Ablauf in Rollen zerlegt, die sich parallel abarbeiten lassen und einander zuarbeiten.
Das Wochenend-Paket
Der letzte Ausbauschritt war eine Terminaufgabe: Jeden Freitag um 10 Uhr lief die Vorbereitung für das ganze Wochenende an – der Samstagsbeitrag komplett fertig, die Karten und der Text für das Sonntags-Reel, dazu eine Übersichtsdatei mit den Begründungen: warum dieses Gewinnspiel, was wurde verworfen und warum, wie sind die Reel-Karten sortiert, was fehlt noch. Ich gab vor der Abfahrt mein OK und lud am Wochenende nur noch vom Handy hoch.
Dieser Schritt hat mich mehr über Automatisierung gelehrt als alles davor. Ein Ablauf ist erst dann wirklich automatisiert, wenn er auch dann funktioniert, wenn man nicht da ist – und wenn er im Fehlerfall ehrlich meldet, was nicht geklappt hat, statt etwas Halbfertiges als fertig auszugeben. Genau das ist einmal passiert: Ein Lauf konnte keine Grafiken rendern, weil die Arbeitsumgebung defekt war. Statt irgendetwas zu liefern, schrieb er mir oben in die Übersicht, dass die Grafiken fehlen, was trotzdem fertig ist und was ich vor der Abfahrt tun muss. Das ist die Sorte Verhalten, die man beim Aufschreiben des Ablaufs erzwingen muss.
Warum zum 15.09.2026 Schluss ist
Nicht weil es nicht funktioniert hat. Sondern weil die Frage beantwortet ist.
Das Projekt sollte zeigen, ob ich die Mechanik beherrsche, einen täglich erscheinenden Kanal allein und mit KI zu betreiben. Diese Frage ist beantwortet: 51 Tage, 46 geprüfte Beiträge, kein einziger rechtlicher Aussetzer, ein Corporate Design, das über sieben Wochen trägt, ein Ablauf, der am Freitag das ganze Wochenende vorbereitet. Das Ziel ist erreicht.
Was bleibt, ist eine tägliche Pflicht. Auch fünf Minuten sind fünf Minuten – jeden Tag, auch sonntags, auch im Urlaub. Die eine Aufgabe, die sich bewusst nicht automatisieren ließ, ist genau die, die nie aufhört: hinschauen, freigeben, posten. Solange das Projekt etwas beweisen sollte, war dieser Preis richtig. Jetzt beweist es nichts Neues mehr, und dann ist die ehrlichste Entscheidung, es sauber zu beenden statt es ausfransen zu lassen.
Die Landingpage mit allen 46 Gewinnspielen bleibt online – viele Fristen laufen noch, und die Seite ist weiter nützlich. Der Kanal bleibt vorerst bestehen. Was endet, ist der tägliche Betrieb: keine automatische Vorbereitung mehr, kein Wochenend-Paket, kein Sonntags-Reel.
Sieben Dinge zum Mitnehmen
Was übertragbar ist, wenn jemand Ähnliches vorhat.
An alle, die dem Kanal gefolgt sind, Beiträge gespeichert und weitergeschickt haben: Danke. Ihr wart Teil eines Experiments, das genau das geworden ist, was es werden sollte – und das jetzt in eine Wissenskarte übergeht, statt einfach zu verschwinden.
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